Forscher der Karlsruher Landesanstalt für Umwelt und des Naturkundemuseums haben erstmals eine wissenschaftliche Grundlage für das Insektensterben im Land vorgelegt. Die Zahlen sind alarmierend. Quelle: SWR.de

Über das Insektensterbern wird immer wieder gesprochen,  doch es fehlte eine wissenschaftliche Grundlage für Baden-Württemberg - bis jetzt. Die Karlsruher Experten und Expertinnen der Landesanstalt für Umwelt und Naturschutz (LUBW) sammeln zwar erst seit drei Jahren belastbare Zahlen über Arten und Verbreitung von Insekten in Baden Württemberg - viel zu kurz für eine wissenschaftliche Betrachtung. Doch nun konnten sie auf die Daten des Karlsruher Naturkundemuseums zurückgreifen. Dort werden bereits seit Anfang der 70er Jahre Nachtfalter gesammelt und erforscht.

25 Prozent weniger Nachtfalter

Diese Zahlen belegen einen dramatischen Verlust der Nachtfalter-Arten. Seit dem Jahr 2000 ging die Artenvielfalt um 12 Prozent zurück, die Biomasse, also die Zahl der registrierten Nachtfalter, ging sogar um 25 Prozent zurück. Dabei hat sich das Verschwinden von Arten allein in den vergangenen zehn Jahren noch einmal dramatisch beschleunigt, bestätigen die Karlsruher Untersuchungen.113 der in Baden-Württemberg historisch belegten Nachtfalter-Arten wurden nach dem Jahr 2000 nicht wiedergefunden. Gleichzeitig kamen 65 neue Arten hinzu, weil sie mit den wärmeren Temperaturen besser zurecht kommen.Die Zahlen erschrecken umso mehr, als sie nicht im normalen landwirtschaftlichen Umfeld erhoben wurden. Die Ackerflächen in Baden-Württemberg zeichnen sich, wie beispielsweise in Nordrhein-Westfalen, durch eine besondere Artenarmut aus. Die Zahlen der Karlsruher Forscher für Nachtfalter wurden vielmehr in ökologisch hochwertigen Gebieten, also etwa in Biotopen, erhoben. Auch dort ist ein Rückgang der Biomasse um ein Viertel zu verzeichnen.

Die Rheinebene ist besonders vom Insektensterben betroffen

Betroffen sind nach Angaben der LUBW und des Naturkundemuseums vor allem Feuchtgebiete. Hier sei vor allem die Rheinebene zu nennen, wo ein starker Rückgang der Arten zu verzeichnen sei. Nach Einschätzung von LUBW Präsidentin Eva Bell liegen mit dem Nachtfaltermonitoring erstmals Fakten für das Insektensterben im Land vor. Sie seien eine wichtige Datengrundlage für künftige Diskussionen.Die Präsidentin der Landesanstalt weist ausdrücklich eine einseitige Schuldzuweisung gegen die Landwirtschaft zurück. Die Faktoren für den Insektenschwund seien vielfältig. Neben dem Klimawandel sei etwa der Einsatz von Pestiziden nur ein weiterer Faktor. Speziell bei Nachtfaltern könnte zum Beispiel auch eine zunehmende Lichtverschmutzung in verdichteten Gebieten wie der Rheinebene durchaus eine Rolle für das Verschwinden von Arten spielen.

Als wichtige Maßnahmen gegen den Artenschwund sieht Umweltstaatssekretär Andre Baumann die Vergrößerung der Biotopflächen im Land. Bundesweit werden 10 Prozent Biotopflächen angestrebt, Baden-Württemberg plane aber 15 Prozent der Landschaftsflächen als Biotope auszuweisen. Wobei besonders die Vernetzung solcher Schutzgebiete wichtig sei, so Baumann, um eine erneute Ausbreitung gefährdeter Arten zu begünstigen.

Insektenforscher sehen Landwirtschaft als Hauptverursacher

Der Karlsruher Entomologe Robert Trusch vom staatlichen Naturkundemuseum hält dagegen gerade die Landwirtschaft für einen Hauptverursacher des Insektensterbens. Die Vergiftung der Landschaft durch Pestizide sei wesentlich verantwortlich für den Artenschwund, sagte Trusch dem SWR.

"Wir bringen Gifte aus, die zehntausendfach so giftig sind wie DDT [ein Insektizid, das in den 70ern verboten wurde]. Da müssen wir uns über das Artensterben nicht wundern."

Robert Trusch, Insektenforscher am Naturkundemuseum Karlsruhe